Chronik

Aus der Chronik des Mundartrings: 10 Jahre Mundartring Saar e.V.

Feier im Festsaal des Rathauses Saarbrücken 29. April 2011

Ansprache von Peter Eckert


Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Sicher wollten Sie es schon immer wissen und wagten nicht zu fragen: Woher kommt der Mundartring, wohin geht er? Diese nicht gestellte Frage versuche ich zu beantworten.

Wer unser Saarland kennt, verfügt über einen Schatz gesicherter Wahrheiten.

Ein Beispiel: Unsere Mundart gehört noch zum Leben der Menschen – als weit verbreitetes Kommunikationsmittel, nicht nur im Privatleben oder gar nur im Rahmen der Traditionspflege.

Ein anderes Beispiel, wörtlich zitiert aus dem Saarland-Lexikon der Saarbrücker Zeitung: „Das Saarland hat die höchste Vereinsdichte Deutschlands. In unserem Bundesland ist jeder Bürger im Schnitt Mitglied in 3,5 Vereinen.“

    „Mundartland und Vereinsland Saarland“, da drängt es sich auf, dass es hier seit Urzeiten einen Mundartverein gibt, geben müsste. Tatsächlich, es gibt ihn, den Mundartring Saar e.V. – Verein zur Pflege der Mundarten im Saarland.

    Aber wir alle in diesem Raum wissen doch, welcher Anlass uns zusammenführt. Dieser Mundartring feiert sein zehnjähriges Bestehen.

    Zehn Jahre! Kürzlich war ich zu Gast beim Jubiläum eines Gartenbauvereins, den vor hundert Jahren würdige alte Herren mit weißen Bärten gegründet hatten. Daran gemessen ist unser Mundartring eigentlich noch ein Kind. Zugegeben! Aber wir als Erzeuger stellen nicht ohne Stolz fest: Er ist ein gut entwickeltes Kind, das zu schönen Hoffnungen berechtigt. Ich vermute gleichwohl, dass es den Mit-Eltern ähnlich geht wie mir: Auch heute noch staune ich, dass unser Saarland mit der Gründung dieses Mundartrings ausgerechnet auf uns gewartet hat, eine kleine Gruppe Mundartbegeisterter ohne messbare Vereinserfahrung.

    Dabei war diese Idee auch damals schon seit längerem durchaus nicht mehr neu. Ein Blick zu Nachbarn, nah oder fern, zeigte, dass man dort schon lange: gemeinnützige Vereine kannte, die sich für die eigene Mundart einsetzen. Verglichen mit der imposanten Verwandtschaft in großen und reichen Ländern teilen wir freilich das Schicksal vieler saarländischer Institutionen oder auch unseres Landes selbst: Was die schiere Größe angeht, können wir nicht ohne weiteres mithalten. Also versuchen wir, fehlende Masse auszugleichen durch Begeisterung und Freude an der Sache. Anmaßend könnte man auch sagen: Klein, aber fein. Allerdings: Unsere Vorstellungen zu diesem feinen Verein waren anfangs eher grob: Etwas für die Mundart tun.

    Nach meinen Aufzeichnungen schon 1997gab den Anstoß dazu Frau Dr. Edith Braun, damals schon angesehene saarländische Mundartpäpstin mit vielfältigen Beziehungen in die saarländische Mundartland-schaft und darüber hinaus. Mit dem SR-Redakteur Lutz Hahn hatte sie die SR3-Mundartwerkstatt mit Leben erfüllt und zu 40 öffentlichen Veranstaltungen mit dem Moderator Manfred Spoo das Land bereist. Das u.a. in vollen Sälen und Hallen gesammelte Material hatte sie verarbeitet und in mehreren Büchern veröffentlicht. Zudem war sie hier Jurorin des Mundartwettbewerbs, Stichwort „Goldener Schnawwel“, und in der Pfalz beim Mundartdichterwettstreit in Bockenheim. Also: Alle Welt kannte sie, und sie kannte alle Welt.

    Dagegen kam ich, fast noch Neuling in dieser Szene, dazu wie die Jungfrau zum Kind, auch wenn ich mich schon eingehend mit dem Thema auseinandergesetzt hatte.

    So besprachen wir erstmals 1997 die Lage und überlegten, wie sich die Mundartwelt in unserer Region entwickeln könnte und sollte. Uns war klar: Noch scheint die Mundart im Saarland nicht ernsthaft gefährdet zu sein, anders als im nördlicheren Deutschland, wo der alten Volkssprache oft nur noch ein Nischendasein bleibt. Allenfalls rudimentär blieben eine regionale Klangfärbung der Standardsprache, mitunter auch Brocken, die als pittoreske Bausteine in verschiedene Slangs gemengt wurden. Zuweilen überlebten sogar einzelne Rede-wendungen, die, würden sie verstanden, erinnern könnten an die alte lebendige Heimatsprache, an die Menschen, die sie sprachen, und an ihre Welt.

    Was anderswo Tatsache ist, wäre auch bei uns nicht auf Dauer auszuschließen. Wir wussten: Das zu verhindern, erfordert mehr als unsere – leider begrenzten – Kräfte. Mundart braucht möglichst viele voneinander unabhängige Standbeine. Also: Wir brauchen einen Mundartverein –als Mundartlobby, als Anlaufstelle, zum Austausch von Wissen und Ideen und zur Koordination. Widrige Umstände verhinderten die sofortige Verwirklichung.

    Aber im Jahr 2000 waren wir wild entschlossen, jetzt Nägel mit Köpfen zu machen. Es wurde Zeit: Inzwischen hatte es einen Kahlschlag gegeben, den wir zuvor, auch bei pessimistischer Einschätzung, nicht erwartet hätten. Der Mundartwettbewerb war eingestellt, die Mundartwerkstatt beendet, die Mundarttage wurden ohne Erklärung schlicht nicht mehr veranstaltet. Zu unserem Kleinteam gestoßen war, leider nur für wenige Monate, Rainer Müller, stellvertretender Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung. Sein Tod nach schwerer Krankheit im Alter von 59 Jahren riss nicht nur bei uns eine schmerzliche Lücke auf.

    Wir besprachen Handlungskonzept und Satzung. Wir überlegten, wen wir zur Mitarbeit gewinnen könnten und luden nach einem Vortreffen im Salzbrunnenhaus Sulzbach ein zur Gründungsversammlung am 28.April 2001in die Räume der Volkshochschule Lebach.

    In der Einladung stand:

    Noch ein Verein? Ja, aber gewiss nicht, weil wir etwa „Vereinsmeier“ wären, sondern aus gutem Grund: Im Saarland wurden in den letzten Jahren viele Angebote rund um die Mundart … erheblich eingeschränkt oder völlig eingestellt.

    Wir möchten nicht nur warten, ob vielleicht irgendwo im Land mal wieder jemand was für die Mundart tut, sondern gemeinsam mit Gleichgesinnten auch selbst was tun.

    Sie möchten dabei sein? Auch Sie sind herzlich eingeladen zur Gründungsversammlung… Wir freuen uns auf Sie und die gemeinsame Arbeit für unsere Mundart!

    Die Vorbereitungsgruppe Dr. Edith Braun • Peter Eckert

    Als dritter Unterzeichner stellte zur Abrundung Richard Hilgers seinen Namen zur Verfügung.

    Um es kurz zu machen: Wir kamen zusammen, 34 Versammelte gründeten den Verein und besetzten Vorstand sowie Kassenrevision.

    Gründungsvorstand waren Dr. Edith Braun, der 2003 verstorbene Eugen Motsch, Albert Thomalla sowie die Sprecher Horst Lang und Peter Eckert. In der Folge übernahm Peter Stolz die Geschäftsführung.

    Kleiner Ausflug in die Gegenwart: Vor einem Jahr waren die vierten Vorstandswahlen fällig. Dem Vorstand gehören nun an: Die Autorität Edith Braun, die unermüdliche Christel Keller als geschäftsführende Sprecherin, der emsige Wogen-glätter Lutz Hahn, der noch immer rastlose Peter Stolz.

    An dieser Stelle sei gesagt: Der Mundartring hat vielen Menschen zu danken. Aber dieses Quartett, das sich ganz oder fast von Anfang an mit Herzblut für den Verein einsetzte, hat entscheidenden Anteil daran, dass der Verein heute steht, wo er steht. Wir schulden dafür größten Dank!

    Wieder zum Vorstand: Für die nächste Generation gehören dazu Hans Peter Spelz als z.Z. einziger Moselfranke und Stefan Klopp, unsere Jugendgruppe. Dazu auch wieder ich selbst nach gesundheitsbedingter Auszeit als Sprecher.

    Zurück zum Anfang: Es galt nun, unsere Zeitschrift, die Mundartpost Saar zu konzipieren. Nach einer Nullnummer erschien die erste reguläre Ausgabe im heute noch gültigen Layout im Dezember 2001. Von Anfang an bis heute gehörten Edith Braun und Lutz Hahn der Redaktion an, viele Jahre dabei sind oder waren Peter Stolz, Albert Thomalla, Christel Keller und Evelyn Treib. Dafür, dass das Heft seine Leserschaft erreicht, wirkte zunächst die leider verstorbene Maria Peifer. Heute danken wir dafür Ursula und Klaus Kerber.

    Das Leitwort der Mundartpost haben wir in die schlichte Formel gepackt: In Mundart, über Mundart und rund um die Mundart.

    Das heißt, dass neben aktuellen Autoren aus der Großregion auch solche aus mehr oder weniger weit zurückliegenden Zeiten wieder zugänglich gemacht werden. Ich nenne als bunte Auswahl Friedrich Schön, Carl Schumann, „es Haazfritzje“ Fritz Schneider, Peter Josef Rottmann, Franz von Kobell oder Peter Michels, aber auch jüngere Namen wie Maria Becker-Meisberger oder Rita Zorn.

    Die Regelausgabe der Mundartpost erscheint vierteljährlich, die bislang letzte Ausgabe vom Februar trägt die Nummer 39. Sonderausgaben ehrten z.B. unsere Gründungsmitglieder Heinrich Kraus und Edith Braun.

    Gleichfalls seit Dezember 2001 veranstaltet der Mundartring, in der Regel vierteljährlich, Mundart- nachmittage als öffentliche Veranstaltungen im gesamten Land, nach Möglichkeit in Kooperation mit örtlichen Partnern. Hier können etablierte wie auch weniger bekannte Autorinnen und Autoren der rhein- und moselfränkischen Region sich und ihre Werke einem interessierten Publikum bekannt machen. Zu jeder dieser Veranstaltungen gehören auch musikalische Beiträge. Besonders oft wirkten unsere heutigen Musikanten, Stefanie Finkler und Walter Krennrich mit.

    Weniger der Unterhaltung als der Information und dem Meinungsaustausch dienen unsere Podiums- diskussionen, u.a. in Zusammenarbeit mit der Union-Stiftung, der Stiftung Demokratie Saarland oder den Volkshochschulen:

  • Mundart und/oder Hochdeutsch? – Mit welcher Sprache sollen Kinder aufwachsen? Das einhellige Schlussurteil lautete, dass es in dieser Frage kein „entweder – oder“ geben darf. Beide Sprachen haben ein Recht darauf, geachtet und gepflegt zu werden.
  • Zur Rolle der Mundart in der Literatur - Versuchte eine weitere Podiumsdiskussion eine Standortbestimmung. Eines der Ergebnisse war, dass die Frage, ob etwas Literatur sei, nicht schon dadurch abschlägig entschieden werden kann, dass als Sprache Mundart gewählt wurde.
  • Mundart in den Medien - Seit dieser Veranstaltung erscheint in der Saarbrücker Zeitung eine Mundartkolumne, zu der sechs Autorinnen und Autoren Beiträge liefern.
  • Gehört die Mundart eigentlich zur Kultur? - Für uns kann das keine ernsthafte Frage sein, aber leider ist sie oft schon vor jeder Beschäftigung mit Details mit „nein“ beantwortet.

    Auch auf dem Buchsektor war der Mundartring Saar tätig.

    Amüsantes Detail hierzu: Unserem ältesten Mitglied, Dr. Alfred Mahler aus dem Krummen Elsass, waren wir dabei behilflich, im Alter von 100 Jahren sein erstes Buch herauszugeben.

    Eigene Buchprojekte des Mundartrings gab und gibt es selbstverständlich auch.

    So wurde z.B. ein Werk des Saarbrücker Mundartklassikers Friedrich Schön hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung 2009 wieder neu vorgestellt: „Kinderlieder und Kinderspiele des Saarbrücker Landes“.

    Im Mai werden wir eine Anthologie mit Werken von rund 60 im Mundartring vertretenen Autorinnen und Autoren vorstellen, ein dickes Buch mit dem Titel „Wer gaggerd, muss ach lee’e“.

    Wer am 18.Mai bei der Union-Stiftung dabei sein möchte, ist herzlich eingeladen.

    Damit springe ich unversehens von der Frage „Woher kommt der Mundartring?“ zur zweiten „Wohin geht er?“. Darüber sage ich sehr viel weniger, nämlich: Diese Frage gebe ich listig an Sie weiter. Was zur Pflege der Mundarten im Saarland geschehen muss, das hat mit uns allen zu tun. Oder, wie ich es anlässlich der Gründung formulierte:

    Unsere Sprache - unsere Aufgabe!

    Unsere Sprache - unsere Aufgabe!

    Ich bin sicher, dass uns vom Mundartring die Ideen so bald nicht ausgehen werden. Aber wir können nicht viel mehr als Anstöße geben. Und das wäre wohl nur ein Tröpfchen auf den heißen Stein, vielleicht aber ein Tropfen, wenn Sie, sofern Sie es noch nicht sind, Mitglied bei uns würden.

    Dass unsere eigene Sprache erhalten bleibt und weiter lebt, dass wir weitergeben können, was uns anvertraut wurde, dazu müssen alle oder doch wenigstens sehr viele mitmachen.

    Ich verlasse mich auf Sie!

    Und ich danke Ihnen.