Chronik

Aus der Chronik des Mundartrings: Die Gründung am 28. April 2001

Peter Eckert:

Unsere Sprache - unsere Aufgabe

Ansprache zur Gründung des Mundartrings Saar — Verein zur Pflege der Mundarten im Saarland

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Unsere Sprache - unsere Aufgabe!

Unsere Sprache - unsere Aufgabe!

    1932 verfasste Wilhelm Will seine «Saarländische Sprachgeschichte». In seinem Schlussresümee fasst er zusammen, dass nach 1780 die pfälzische Sprache, wir würden heute die rheinfränkische sagen, sich zum Hochwald vorschiebt.

    Und wörtlich weiter: «Mit der Entwicklung der Saarindustrie wird dieser noch nicht abgeschlossene Vorgang von einem ... neuen abgelöst: Die Industrie beginnt ihren neuerstehenden Raum mit einer neuen, einheitlichen Mundart zu füllen. Form und Anregung empfängt diese neue Mundart jedoch nicht mehr aus dem benachbarten pfälzischen Sprachraum, sondern aus der Schriftsprache. Von Saarbrücken ... aus ... verbreitet sich mit wachsender Stärke und Geschwindigkeit die neue saarländische Mundart, ein dem Hochdeutschen stark angenähertes Pfälzisch.»

    Wenn man vom Rathaus kommt, ist man oft klüger, und heute, 70 Jahre später, wissen wir, dass Rhein- und Moselfränkisch noch immer in ihren angestammten Sprachräumen heimisch sind. Hatte er also ganz und gar unrecht? Keineswegs! Ich stelle mir vor, meine Großeltern, etwa geboren um 1870 und damals gut 60 Jahre alt, sprächen heute mit mir. Kämen sie und ich zu dem Ergebnis, dass wir eine Sprache sprechen? Bestimmt nicht! Uns bliebe nur die Erfahrung vieler Lothringer erspart, dass spätestens die Urenkel die alte Sprache überhaupt nicht mehr kennen. Und wir müssten nicht wie sonstwo in Deutschland feststellen, dass der Dialekt zum dialektal gefärbten, hochdeutsch dominierten Slang mutierte. Aber auch bei uns muss man genau hinhören statt vorschnell Entwarnung zu geben.

    Unsere Sprache - unsere Aufgabe.

  • Wie viel Anpassung braucht eine Sprache, um lebendig und gebrauchsfähig zu bleiben?
  • Wie viel evolutionäre Veränderung muss sein? Wie viel Wandel verkraftet Sprache, ohne ihr Wesen einzubüßen?
  • Wo liegt die Grenze zwischen Entwicklung und Sprachverhunzung? Nebenbei: Das darf und muss man auch bei der Schriftsprache fragen.
  • An welchem Punkt hat sich die Sprache so verändert, dass sie ihre Identität verliert?
  • Gibt es einen bestimmbaren Punkt, an dem eine Sprache tot ist, ausgelöscht, verloren?

    Von Hermann Hesse stammt der Satz: «Das Paradies pflegt sich erst dann als Paradies zu erkennen zu geben, wenn man aus ihm vertrieben wird.» Wem bereitet der Verlust Schmerzen? Vor allem die Vertriebenen selbst. Die das Paradies nur vom Hörensagen kennen, gehen schulterzuckend zur Tagesordnung über.

    Kurt Tucholsky sagt:

  • Ein alter Mann ist stets ein fremder Mann.
  • Ihm fehlt sein Zeitland, wo die Seinen waren,
  • er spricht nicht unsre Sprache, hat ein fremd Gebaren...
  • Und wenn wir einmal alt sind und bei Jahren –
  • dann sind wir gradeso.

    Persönliche und kollektive Erinnerung schrumpft zu Mythen oder Anekdötchen. Aber auch die sind irgendwann nur noch Archivaren und Altertumsforschern zugänglich.

    Wie ist das mit Mundarten? Sind sie ein Stück vom verlorenen Paradies? Bei aller Liebe – das wohl kaum. Der Augenschein lehrt: Die Welt geht nicht unter, wenn eine Sprache verschwindet. Da hat sie schon weitaus Schlimmeres wegstecken müssen. So heißt es: Irgendwie geht es halt immer weiter. Das soll tröstliche Gewissheit sein, ist es aber nicht. Ich weiß ja: Die Welt geriete nicht aus ihrer Bahn, wenn ich nächste Woche unter der Erde wäre. Mir selbst würde ich doch sehr fehlen. Und ich weiß: Ich könnte auch einigen wenigen Menschen fehlen.

    Auf diese ganz wenigen Menschen bezogen, könnte ich bei aller Vorsicht vermuten, die Lücke wäre:

  • – allerhöchstens für ganz, ganz wenige nicht zu schließen,
  • – für manche schwer zu schließen,
  • – für andere nicht sofort zu schließen.

    Irgendwie geht es immer weiter, das passt zu dem Richtsatz: Die Lücke, die er hinterlässt, ersetzt ihn vollkommen Das tröstet die, denen der Verlust kein Verlust ist; das tröstet, wo es also nichts zu trösten gibt. Wenn das gefleckte Knabenkraut und der Eisvogel ausgerottet sind, fällt das vielen Menschen kaum auf. Sie sind ihnen so oft begegnet wie dem Riesenschachtelhalm und dem Archäopteryx - und die sind Hunderte Millionen von Jahren ausgestorben. Das tut Vielen nicht wirklich weh. Ist es darum auch unwichtig? Wenn es kaum noch Spatzen gibt und Hasen nur im Zoo überleben, sollten auch die Unempfindlichen langsam mit Nachdenken anfangen.

    Was hat das mit Mundarten zu tun?

  • Lebende und gedeihende Mundarten sind - wie Tiere und Pflanzen - ein Indikator, erstens
    • – vielleicht für Rückständigkeit,
    • – vielleicht aber auch für Beharrungsvermögen und
    • – vielleicht für Selbstbewusstsein, das «Sich-seiner-selbst-bewusst-Sein», des Wissens darum, wer man ist und woher man kommt, ein allemal nützliches Wissen, wenn man herausfinden muss, wohin man will
  • Zweitens: Lebende Mundarten sind ein Indikator
    • – vielleicht für schlichtes Denken, was für sich genommen nicht notwendigerweise immer ein Nachteil sein muss,
    • – vielleicht aber auch für ein Denken, das mit dem Werkzeug einer - selbst wenn nur in Nuancen - anderen Sprache andere kreative Zugänge zu Fragen, Aufgaben und Problemen findet. Ein nicht todernst gemeintes Beispiel dazu: In deutscher Standardsprache, dem sogenannten Hochdeutsch, ist der Mensch ein ungereimtes Wesen. Meine Mundart kennt mehrere Reime auf Mensch. Weil sie besonders menschlich ist? Nein, wohl nur ein netter Zufall, aber trotzdem nicht wegzudiskutieren.
  • Drittens: Mundart kann ein Indikator sein -
    • – für gelebte Vielfalt,
    • – für wirkliches «Leben-und-Leben-lassen» und
    • – gegen den unseligen Drang, alles und jedes zu sortieren, zu vereinheitlichen und dann doch wegzuwerfen.

    Bevor allzu große Rührung und Selbstzufriedenheit aufkommt: Natürlich sind Mundartsprecher nicht die besseren Menschen, selbst dann nicht, wenn sie aus dem Saarland kommen. Auch in Mundart lassen sich schlimme und schreckliche Gedanken denken und sagen, bevor sie in die Tat umgesetzt werden. Wir wollen gemeinsam hoffen, dass das Ausnahmen sind und dass die letzten dieser Ausnahmen bereits hinter uns liegen.

    Ich hoffe, dass ich einigermaßen klar darstellen konnte, warum ich meine Mundart pflegen möchte, und das mit anderen gemeinsam.

    Sie alle sind, wie ich hoffe, heute hier erschienen, weil Sie unser Vorhaben unterstützen wollen, einen Mundartverein zu gründen, den «Mundartring Saar - Verein zur Pflege der Mundarten im Saarland».

    Anderswo kennt man das schon lange: gemeinnützige Vereine, die sich für die eigene Mundart einsetzen. Die Schwaben haben ihre "Württembergische Mundartgesellschaft" und den Verein "schwäbische mundart".

    Die Nachbarn in Baden haben ihre "Muettersproch-Gsellschaft".

    In Bayern gibt es u.a. den "Förderverein bairische Sprache und Dialekte in Altbayern, Österreich und Südtirol".

    Mit beachtlicher öffentlicher und privater Förderung entstand vor einigen Jahren in Zons bei Neuss das "Internationale Mundartarchiv 'Ludwig Soumagne'", ein Mekka für Mundartinteressierte von nah und fern.

    In unserer pfälzischen Nachbarschaft wird der renommierte Pfälzische Mundartdichterwettstreit in Bockenheim bald 50 Jahre alt; er wird ergänzt durch die Mundarttage im Mai. Daneben existieren in der Pfalz mehrere andere interessante Mundartdichterwettbewerbe.

    Ein ganz junges Kind unter den Mundart-Institutionen, als Verein gegründet im Juli 2000, ist die Mundart- Akademie in Spechbach - an der Grenze zwischen Kraichgau und Odenwald, also in der Kurpfalz zwischen Heidelberg und Sinsheim.

    Selbstverständlich ließe sich die Liste erheblich verlängern.

    Dagegen haben wir im Saarland gerade in den letzten Jahren einen erheblichen Einbruch zu beklagen. Nach einer kurzen Zeit der Blüte zogen sich viele Beteiligte, insbesondere Sponsoren, abrupt aus der Mundartförderung zurück. In kurzer Zeit verschwanden tragende Säulen der Mundartszene von der Bildfläche und hinterließen bei den Betroffenen nur ungläubiges Staunen darüber, wie schnell sich glühendes Interesse bei Förderern buchstäblich in nichts auflösen kann.

    Ich nenne als Beispiel den Saarländischen Mundartwettbewerb, verbunden mit dem «Goldenen Schnawwel».

    Ich nenne die SR3- Mundartwerkstatt, in der über Jahre hin Menschen wie du und ich ihre Beiträge zur regionalen Mundartforschung leisteten und sich dabei auch noch prächtig unterhalten konnten.

    Ich nenne auch die Saarländischen Mundarttage mit Mundartfrühling und Mundartherbst. Hier konnten Mundartautorinnen und Mundartautoren aus der engeren und weiteren Region ihrem Publikum beweisen, dass Mundart mehr kann als Vergangenheitsverklärung, Unfug, und Lyonerseligkeit.

    Was übrig blieb, ist der montägliche Mundartabend auf SR 3 und das Mundartsymposium Bosener Mühle, zu dem seit 1993 der Landkreis St. Wendel ausgewählte Mundartschreibende für eine Woche zu gemeinsamer Arbeit einlädt. Das diesjährige Symposium startet heute, wie Sie vielleicht wissen.

    Aus dem Mundartsymposium ging übrigens die im vergangenen November gegründete Bosener Gruppe hervor, eine Gruppe von mittlerweile 17 Autoren aus dem Saarland, der Pfalz und Lothringen. Sie wurde gegründet von Gisela Bell, Georg Fox, Heinrich Kraus, Johannes Kühn, Relinde Niederländer - und ich war auch dabei. Inzwischen gehören zum Beispiel auch unsere Moselfranken Hildegard Driesch, Jean-Louis Kieffer und Hans-Walter Lorang dazu.

    Es ist also noch nicht alles verloren. Vielleicht haben Sie auch gelesen, dass die Stadt Völklingen im Mai wieder einen Mundartdichterwettbewerb ausschreiben wird, der alle zwei Jahre stattfinden soll.

    Kann man sich also beruhigt im Sessel zurücklehnen? Alles halb so schlimm? Nein, ganz bestimmt nicht. Wer wartet, bis bzw. ob andere etwas tun, macht sich zum Objekt eines vielleicht allzu kurzfristigen und kurzatmigen Kalküls, fügt sich fremden Absichten, vielleicht Launen, und liefert sich dem aus, was andere großzügig gewähren oder auch verweigern.

    Ganz so weit gingen unsere Gedanken noch nicht, als wir im Sommer 1997 zusammen saßen. «Wir», das sind Frau Dr. Edith Braun und ich. Wir hatten Erfahrungen ausgetauscht und dachten gemeinsam darüber nach, wie es wohl weitergehen könnte mit den Aktivitäten rund um die Mundart in unserer Region. Damals wussten wir noch nicht, was es in Kürze alles nicht mehr geben sollte. Und dass es so dicke käme, ahnten wir auch nicht. Wir waren uns aber einig, dass die Mundart möglichst viele Standbeine haben sollte. Und weil wir wussten, was es anderswo schon lange gab, kamen wir zu dem Ergebnis: Wir brauchen einen Mundartverein für das Saarland - als Anlaufstelle, zur Koordination, als Forum.

    Ich kaufte mir also einige einschlägige Bücher und begann, eine Satzung auszuarbeiten. Der damalige Entwurf steht noch bei mir zu Hause im Regal. Aber leider wurde nichts aus der sofortigen Verwirklichung der Pläne. Kirchliche Ehrenämter forderten meine ganze Arbeitskraft für mehr als ein Jahr. Danach machte mir die Gesundheit zu schaffen. Und unversehens waren drei Jahre ins Land gegangen. Nun, im Jahr 2000 wurde der Gedanke wieder aufgegriffen von Frau Dr. Braun und Rainer Müller, stellvertretender Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung. Auch Richard Hilgers hatte sich zur Mitarbeit bereit erklärt. Er ist Bibliothekar in der landeskundlichen Abteilung der Stadtbibliothek Saarbrücken. Wir verfolgen ein gemeinsames Buchprojekt zu Mundartautoren im Saarland. Ich wurde gefragt, ob ich wieder mitarbeiten wollte und könnte - und es ging einigermaßen. Leider ist inzwischen Rainer Müller durch Krankheit verhindert. Wir wünschen ihm auch von hier aus alles Gute und eine baldige Genesung.

    Wir waren und sind uns einig: Wir wollen gemeinsam mit Gleichgesinnten selbst etwas tun für unsere Mundart und dabei mit allen zusammenarbeiten, die dieses Ziel ebenfalls verfolgen.

    Unsere Sprache - unsere Aufgabe.

    Wir wollen dieses Anliegen auch in der Öffentlichkeit deutlich machen, um möglichst viele Menschen in der Überzeugung zu bestärken, dass ihre und unsere Mundart leben soll. Am 21. März gab es im Salzbrunnenhaus Sulzbach ein Vortreffen, das wir in der Überzeugung verließen: Wir sind keine überwältigend große Volksbewegung, aber wir sind genug, um anzufangen, und wir haben Menschen gefunden, mit denen wir dieses Wagnis eingehen können.

    Heute, am 28. April 2001 wollen wir hier in den Räumen der Volkshochschule Lebach, der wir bei dieser Gelegenheit nochmals herzlich für ihre Unterstützung danken, mit Ihnen unseren saarländischen Mundartverein gründen, den "Mundartring Saar - Verein zur Pflege der Mundarten im Saarland".

    Der Verein soll landesweit tätig werden, bestehende Aktivitäten vernetzen und neue fördern. Er will keine Konkurrenz sein für Vorhandenes, sondern im Gegenteil mit allen zusammenarbeiten, denen an ihrer Mundart etwas liegt und die etwas für sie tun wollen.

    Es ist unsere Sprache, es ist unsere Aufgabe.

    Aber wozu braucht man einen Verein? Man kann ja auch sagen: Die Leute sollen einfach Mundart sprechen - und das tun sie ja auch. Da kann man sich die Vereinsmeierei doch sparen! Stimmt das? Natürlich! Man braucht auch keine Philatelisten, denn überall hängen Automaten, an denen man neue Briefmarken kaufen kann.

    Aber ernsthaft: Wir wollen niemanden schulmeistern. Wir haben Freude an unserer Sprache und möchten, dass andere diese Freude auch haben. Wir möchten ein Kulturgut erhalten, das bestimmt nicht weniger wichtig ist als Industrieanlagen, Bauwerke oder all das, was an Exponaten in Museen zu finden ist. Ich glaube, es kann ganz nützlich sein, wenn Menschen die Aufgabe übernehmen, Entwicklungen zu beobachten, über sie nachzudenken, zu anderen davon zu sprechen, Einfluss zu nehmen. Es müssen nicht immer die großen, spektakulären Aktionen sein. Ein afrikanisches Sprichwort ist mir vor einigen Jahren zum ersten Mal begegnet:

  • Viele kleine Leute
  • an vielen kleinen Orten,
  • die viele kleine Dinge tun,
  • werden das Angesicht der Erde erneuern

    Eines dieser kleinen Dinge soll unsere Mundart sein. Sicher nicht das wichtigste von allen, aber - hoffentlich - auch nicht das unwichtigste. Aber, und das ist schön, eine Sache, die wir wirklich schaffen können. Es wird sicher nicht ganz einfach werden. Wir müssen uns kennen lernen. Wir müssen unsere Stärken, aber auch unsere Schwächen entdecken. Wir müssen das Gleichgewicht zwischen Tatendrang und Geduld finden.

    Wir müssen Augenmaß für unsere Möglichkeiten entwickeln, ohne dabei zaghaft und mutlos zu werden. Und wir werden uns vielleicht auch mal zusammenraufen müssen. Aber das macht nichts, solange wir dabei unser gemeinsames Ziel verfolgen.

    Was ich mir wünsche, ist, dass wir uns in unserer Vereinsarbeit den rechten Gebrauch des Zeigefingers angelegen sein lassen

  • Also nicht das Prinzip: «Du machst das, und das machst du!»
  • Sondern möglichst oft: «Das mache ich!»
  • Nicht: Ich meckere hinterher.
  • Sondern: Ich sage vorher, was zu tun ist.
  • Nicht: «Du hast schon wieder was falsch gemacht!»
  • Sondern: «Nächstes Mal helfe ich dir. Dann klappt es besser.»

    Mit anderen Worten: Wir haben viel zu tun, bevor wir überhaupt etwas tun können, und wir haben noch mehr zu tun, wenn wir erst mal ernsthaft angefangen haben, etwas zu tun. Auf Einzelheiten kommen wir später. Aber jetzt wollen wir erst mal unseren Verein gründen.

    Unsere Sprache - unsere Aufgabe!

    Unsere Sprache - unsere Aufgabe!

    Ich wünsche uns allen viel Erfolg.


    Ich danke Ihnen.